#1 Aus dem Leben einer Endoprinzessin

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Das Leben als chronischer Schmerzpatient ist ein Pakt mit dem Teufel.

Als die Symptome anfingen chronisch zu werden – und damit meine ich nicht alle Monate ein paar Tage – sondern jeden Tag für jede Stunde, fing es an so richtig anstrengend zu werden. Anstrengend für meinen Freund – Familie und Freunde – für meinen Endometriose Spezialisten – Krankenhäuser – für meinen Arbeitgeber – für Behörden – Chefärzte der Gebietskrankenkasse –  Hausärzte und ach ja, für mich.

Anfangs zielte ich sehr darauf ab königliche Haltung zu bewahren, niemanden zur Last zu fallen, meine Meinung über Diagnosen – Therapien die man mir vorschlug für mich zu behalten, auch wenn diese nicht gut war. Ich hatte Angst über die Erkrankung mehr herauszufinden. Ich hatte Angst das Therapien fehlschlugen, das keine Medikamente gefunden werden die mich schmerzfrei leben lassen. Das ich keinen kompetenten Arzt finde, der mir mit Rat und Tat zur Seite steht. Ich hatte Angst vor meinem Körper und wie meine Zukunft aussehen wird.

Also war ich still, versuchte lang meinen Alltag zu leben so gut es ging. Ließ alles mit mir machen. OP – künstliche Hormone – Morphium Schmerztherapie. Noch mehr Hormoncocktails. Diagnosen über Burnout & Depression ließ ich über mich ergehen und akzeptierte sie um Haaresbreite. Aber eben nur fast. Zum Glück.

Ich lebe nun mit täglichen Unterleibsschmerzen seit fast einem Jahr. Keine OP – keine künstlichen Hormone und kein Morphium konnte diese kleinen Monster an meinen Eierstöcken – Gebärmutter – Bauchfell – Scheidenwand und Blase ins K.O. schlagen.

Also fing ich an die Geduld zu verlieren, den Glauben an das Gute im Leben und hörte auf die Schmerzen einfach nur noch zu ertragen. Zuhause vom Studium, Zuhause von der Arbeit. Aber deswegen depressiv? Leidet man deswegen an einem Burnout? Hatten die denn nicht zugehört? Hallo? Schon mal Schmerzen gehabt? Ja? Wars unangenehm? Über Männer-schnupfen gibt es Gesellschaftswitze. Eine Frau mit Endometriose hat Depression. Das war zuviel für meine königliche Haltung. Ich fing an mich zu melden. Meinen Standpunkt zu vertreten und hörte auf es jeden recht machen zu wollen.

Ich gönnte mir absolute Zweisamkeit mit meinem chronischen Scheiß. Führte eine innige Beziehung, eine wilde Romanze, nun seit fast 2,5 Monaten. Ich lernte mit dieser Erkrankung umzugehen, mit ihr zu leben – ja fast sie zu akzeptieren. Die Gesellschaft leider nicht.

Heute war wieder so ein Tag wo ich viel gelerntes in die Tat umsetzen musste. Aufgewacht mit einer halb warmen Wärmflasche am Bauch und mit dem Gefühl meine Eierstöcke explodieren, hab ich mich aus dem Bett geschleppt. Denn ich musste zur Chefärztin der Gebietskrankenkasse mich vorstellig machen. Ihr meine wilde Romanze und absolute Zweisamkeit erklären.

Dort angekommen wurde mir bewusst – diese Frau hält nicht viel von großer Liebe. Auf die Frage warum ich zurzeit nicht arbeiten gehen kann antwortet ich ihr – Diagnose: hochgradige Endometriose im Stadium 4. Kein Grund genug – meinte Frau Dr. E. Bei Endometriose handelt es sich lediglich um eine angeborene Erkrankung die „nur“ Schmerzen rund um die Periode verursacht. Weiter’s meinte die verehrte Chefärztin der Psychiatrie (wusste nicht das ich beim Gynäkologin bisher immer Fehl am Platz war) ich solle mich nicht so anstellen und einfach nochmal operieren gehen.

Mir schossen die Tränen ins Gesicht, mein Hals schnürte sich zu und ich fing an all die Tage und Stunden zu denken an denen ich nicht aufrecht stehen noch sitzen konnte. Ich Angst hatte auf die Toilette zu gehen. Keinen Hunger hatte vor lauter Schmerzstress und das Gefühl hatte daran zu ersticken.

Gleichzeitig dachte ich an alle Frauen und Mädchen mit Endometriose. An all die Kraft die ich mir während der letzten Monate eifern erkämpft hatte. Also redete ich. Teilte ihr mit, ihre Recherchen über Endometriose verkackt zu haben. Nicht kompetent genug zu sein, solche Aussagen über eine Erkrankung zu treffen welche sie nur von Lehrbüchern aus dem 18. Jahrhundert kennt. Machte ihr klar, nicht auf sie angewiesen zu sein. Auf ihre Meinung keinen Wert zu legen und mich nicht dafür zu rechtfertigen warum ich eine Auszeit vom Alltag brauche. Eine Auszeit für bessere Zeiten. Um Kraft zu tanken. Um damit klar zukommen. Um umzudenken. Mich zu verändern. Um mir das perfekte Sinnbild vom perfekten, schmerzfreien Leben in die Haare zu schmieren.

Ich fühlte mich elendig einen solchen Faustschlag ins Gesicht zu bekommen von jemanden der nicht weiß was ich fühle. Gleichzeitig fühlte ich mich stärker und zufriedener wie schon lange nicht mehr. Ich hatte meine königliche Haltung zurück und verließ mit erhobenen Hauptes Frau Dr. E´s. Sprechzimmer.

Es ist schwer genug mit chronischen Schmerzen zu leben. Was mir persönlich aber mehr Kraft kostet sind Situationen wie diese. Also liebe Gesellschaft, zuerst recherchieren dann sprechen. Zuerst nachdenken, dann handeln. Auch an Frau Dr. E.: Tut mir sehr leid, dass Sie ihr Ziel als Ärztin aus den Augen verloren haben. Gerade als Chefärztin der Psychiatrie müssten Sie wissen wie sich ein chronischer Schmerzpatient fühlt.

An dieser Stelle, danke an alle die mir ihr Verständnis schenken. Danke an alle die bedingungslos für mich da sind (vor allem mein Freund). Danke an alle die nie aufgehört haben an mich zu glauben. Danke für die Taschentücher, offenen Herzen und Optimismus.

Rechtfertige dich nicht für deine Schmerzen.Steh dazu. Rede! Vertraue Dir, liebe Dich so wie du bist und verliere nie den Glauben an Dich selbst.

& vergesst nie: Wir sind perfekt so wie wir sind. 
Eure Lisa. 

 

 

2 Gedanken zu “#1 Aus dem Leben einer Endoprinzessin

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