Akuter Schmerz vs. chronischer Schmerz

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Prinzipiell darf niemand über einen anderen Menschen urteilen. Über nichts. Nicht über sein Aussehen. Nicht über seine Persönlichkeit. Nicht über seine Stärken. Seine Schwächen. Nicht über seinen Beruf. Seine Hobbys und schon überhaupt und nie über sein Leben.

Gerade aber über chronische Schmerzpatienten wird viel geredet. Ach, die hab ich gestern shoppen gesehen, der kann es nicht schlecht gehen. Was? Sie war beim Friseur? Aber in die Arbeit kann sie nicht gehen? Krank sieht anders aus.

Ich urteile über niemanden mehr. Früher hatte ich das. Sehr viel sogar. Damals hatte ich noch die Energie und Zeit dafür über andere zu urteilen das machte mir sogar richtig Spaß. Durch meine Endometriose änderte sich das. Vor allem über Menschen mit chronischem Leiden.

Seit fast genau 365 Tagen spüre ich nun jeden Tag (nicht nur zu meiner Periode) das mein Körper krank ist. Er kämpft. Ich kämpfe. Wir kämpfen zusammen und geben jeden Tag unser Bestes. Anfangs machte ich mir noch viel daraus was andere wohl über mich denken. Dazu hatte ich im Laufe dieser 365 Tage aber irgendwann keine Kraft mehr. Zum Glück.

Durch die Instagram Community und auch auf Facebook lese ich sehr viel über andere Endometrioseprinzessinen. Es wird ausgetauscht. Sich ausgekotzt. Gemeinsam gelitten. Für das bin ich sehr dankbar. Ich bin sehr stolz darauf Teil davon zu sein und stolz darauf mit meiner Geschichte in die Öffentlichkeit zu gehen. Fakt ist, egal wie sehr ein nicht chronischer Schmerzpatient versucht Verständnis zu zeigen. Er wird niemals nachvollziehen können wie es ist so zu leben. Ich wünsch es ihm auch nicht. Ich wünsch mir nur mit sinnlosen Ratschlägen wie „Oh, ich weiß genau wie du dich fühlst. Ich war auch extrem müde und erschöpft nach meinem Arbeitstag. Versuch zu schlafen, dann geht’s bestimmt wieder.“ vorsichtig umzugehen.

Durch die vielen Geschichten und Gesichter darf ich erleben wie es ist nicht damit alleine zu sein. Ich sehe lächelnde Gesichter. Weinende. Gesichter voller Hoffnung und Angst. Wunderschöne Frauen. Liebevolle Schwestern, Freundinnen und Tanten. Mütter und Nachbarinnen. Mit einem Leben voller Schmerz.

In meinen 365 Tagen verbrachte ich bestimmt 1/3 davon in Angst nicht mit meiner Krankheit umgehen zu können. Es nicht zu schaffen. Angst davor gesellschaftlich verurteilt zu werden. Meine Schmerzen niemanden erklären zu können.Die meisten Tränen hat mein Freund abgefangen. Ich werde dir mein Leben lang dankbar sein.

Um meine Headline aufzufangen. Es gibt wesentliche Unterschiede auf die Acht gegeben werden kann beim Umgang mit einem chronischen Schmerzpatient.

Müde vs. erschöpft
Ich bin ja nun seit 25 Jahren auf dieser Welt und durfte zum Glück auch noch ein paar Jährchen beschwerdefrei verbringen auf diesem Planeten. Auch wenn es nicht viel waren, weiß ich wie es sich anfühlt müde zu sein.
Müde ist sich nach einem starken Tag auf die Couch zu schmeißen und zufrieden auf die geleisteten ToDo’s zurückblicken zu können. Oder nach einem ausgiebigen Workout. Eventuell nach einer langen Reise oder auch nach nächtelangen durchpauken fürs Studium (kenne ich nur zu gut). Dieses müde lässt sich nach-schlafen. Es lässt sich regenerieren. Wieder auftanken.

Chronisch krank zu sein bedeutet gleichzeitig meistens chronisch erschöpft zu sein. Durch die einerseits schlaflosen Nächte und die ständige Anspannung unter dem der Körper steht. Auf ihm lastet tagtäglicher Druck. Er arbeitet auf hochtouren. Speziell bei Endometriose lassen uns die Entzündungen in und um unsere Gebärmutter – Eierstöcke – Bauchdecke – Blase etc. erschöpft werden. Erschöpft zu sein bedeutet müde vom Schlafen. Erschöpft vom Leiden. Erschöpft vom Alltag. Erschöpft vom Krank sein. Erschöpft vom eigenen Körper.

Chronisch & akut
Hat jemand Grippe, einen gebrochenen Fuß oder eine Mandelentzündung wünschen wir ihm das er bald wieder gesund wird. Wir wünschen ihm baldige Besserung und vollständige Genesung. Nach einer gewissen Zeit erhohlt sich ein Grippepatient und kehrt zurück in den beschwerdefreien Alltag.

Für einen chronischen Schmerzpatient ist seine Erkrankung sein Alltag. Er kehrt nirgendswo hin zurück. Er ist bereits in seiner Arbeitswoche. Sprüche wie „Wünsch dir baldige Besserung“. Oder „Bald wird alles wieder gut“ sind so überflüssig wie Steine im Schuh. Es wird nicht bald alles wieder gut und auch nicht bald besser. Pssst mit solchen gut gemeinten Ratschlägen. Da werde ich leicht aggressiv. Wünschen kann man viel Kraft. Verständnis zeigen und stets ein Taschentuch bereit zu haben.

Behandlung vs. Heilung
Chronisch bedeutet ständig oder immer wieder über einen sehr langen Zeitraum.
Gebe es eine Heilung würde es nicht chronisch sein. Nope. Nö und nein. Soweit sind wir Menschen bereits. Eine Endometrioseprinzessin kämpft sich lediglich mit einer hoffentlich halbwegs guten Behandlung durchs Leben. Eine Chance auf Heilung existiert zurzeit noch nicht (gebt mir noch ein paar Jahre 🙂 ). Es wird mit Hormonen, Operationen, Schmerztherapien, Ernährung, TCM, Sport, Yoga und und und gearbeitet. Diese Behandlungsmethoden erreichen im Besten Fall eine Linderung der Beschwerden. Jedoch keine Heilung.

Laut Statistik leidet circa jede 10. Frau an Endometriose. Umgerechnet sind das alleine in Deutschland – Österreich und Schweiz also ein paar Millionen (urteilt nicht über meine Rechenkenntnisse, es sind somit leider arschviel und viel zu viel). Sollten nun all diese Frauen mit Tränensäcken und bleichen Gesichtern herumlaufen? Bitte nicht. Unsere Gesellschaft ist schon trist genug. Wir schminken uns. Lächeln. Gehen shoppen. Gehen ins Fitnessstudio. Ziehen uns schick an und feiern mit unseren Freunden das Leben. Wir fühlen. Hoffen und kämpfen Tag für Tag. Eigentlich müssten wir viel mehr darauf anstoßen – auf das Leben – geht aber nicht. Wir sollten nämlich keinen Alkohol trinken.

Schlussplädoye. Urteilen darf nur ein Richter einen Angeklagten. Ansonsten niemand. Lasst die Endometrioseprinzessinen in ihrem Reich herrschen. Unterstützt sie und zeigt Verständnis. Zieht den Hut vor Ihnen und verbeugt euch und freut euch darüber nicht in ihrer Haut stecken zu müssen. Denn dieses Endometriosedings ist echt scheiße. In meinem nächsten Leben werde ich ein Stein..vielleicht in einem Schuh.

& vergesst nie: Wir sind perfekt so wie wir sind!
Eure Lisa. 

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