Chronisch krank zu sein ist ein schlecht bezahlter Vollzeitjob

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Ob ich jetzt Angestellter in einer Bank bin. Krankenschwester. Zirkusdirektor. Verkäuferin. Friseurin oder chronische Schmerzpatientin sollte eigentlich keinen Unterschied machen in unserer Gesellschaft. Sollte & eigentlich. Es wird ein Unterschied gemacht. Natürlich wird einer gemacht. Ziemlich oft sogar und ziemlich grauenvolle. Ich bin ein sehr sensibler Mensch der das Leben liebt und gleichzeitig leidet. Aber nicht nur wegen meinen eigenen Schmerzen. Ich leide mit all den Frauen, die gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert werden, verachtet und miserabel behandelt „nur“ weil sie krank sind, chronisch krank.

Mir treibt es die Tränen in die Augen wenn ich an Dezember 2016 denke. Als ich nicht mehr in der Lage war in die Arbeit fahren zu können. Ich habe meinen Job geliebt. Ich war/bin so stolz darauf ein Teil eines so tollen Teams zu sein. Ich war die tapfere „Chiquita“ die sich nicht so schnell unterkriegen ließ. Aber das war meiner Endometriose egal. Sie wechselte quasi auf Vollzeit & ich auf Krankenstand. Wer von den beiden jetzt die besseren Aufstiegschancen hat, zeigt sich noch…

Die ersten Wochen war ich zu nichts in der Lage. Ich schaffte es gerade mal vom Bett auf die Couch. Zu Mittag schaffte ich es dann mir zwar die Zähne zu putzen und duschen zu gehen. Bloß musste dann das Mittagessen ausbleiben. Denn für das war keine Kraft mehr da. Der Nachmittag gestaltete sich aus Schlafen – Netflix & in den Couch Polster weinen bis mein Freund von der Arbeit nach Hause kam.

Ich wusste, ich musste was unternehmen. Ich wusste es ganz genau. Also mein Kopf wusste es. Mein Körper auch. Aber die Endometriose glänzte in ihrem Job. Da hatte ich noch keinen Platz.

Irgendwann – Mitte Jänner – kam dann der Punkt wo das Atmen leichter wurde. Die Tage wieder kürzer und die Tränen weniger wurden. Es war wieder mehr Kraft da. Ich hielt die Schmerzen besser aus. Lächelte wieder. Schaffte es mir Mittagessen zu kochen nachdem ich Duschen war.

Ich lese viel über Frauen in Frührente. Lange Krankenstände. Beantragung eines Schwerbehindertenausweises. Finanzielle Sorgen & dadurch der soziale Rückzug. Meine Meinung dazu? ICH VERSTEHE ES & mir wird schlecht bei dem Gedanken, das man genau solche verletzlichen Kämpferinnen gesellschaftlich missachtet.

Mein Vollzeitjob ist derzeit chronischer Schmerzpatient. Leider ohne Dr. Titel. Denn dann würde es im Wartezimmer schneller gehen. Ach ja, apropos Wartezimmer. Dort bin ich öfters als in Einkaufszentren oder in Bars. Mein Job ist es derzeit auf mich selbst zu achten. Mein Job ist es derzeit zu lernen mit meiner Erkrankung zu leben und nicht nur zu überleben. Mein Job ist es derzeit nach Therapien zu suchen, die mir dabei helfen mein Leben zu meistern und um solche gesellschaftlichen Witze über chronisch Kranke auszuhalten.

Ich versuche derzeit chronisch nicht chronisch krank zu sein. Ich versuche der derzeitigen Wissenschaft einen Schritt voraus zu kommen und selbst herauszufinden was mir hilft und hoffentlich auch anderen. Ich versuche derzeit unter „Sitzschmerzen“ diesen Beitrag zu schreiben um euch ein Gefühl dafür zu geben wie es ist Zuhause zu sein. (Ja, meine Endometriose sitzt nicht sehr gerne. Nach ca. einer halben Stunde fängt sie an mit einer Motorsäge meine Eierstöcke zu zerfetzen).

Ich MUSS – und darf das zum Glück mit dem schönsten Baby Welpe auf Erden – jeden Tag für 1-2 Stunden raus da ich nicht viel sitzen oder liegen kann. Egal wie das Wetter ist oder ob meiner Endometriose danach ist. Ich MUSS versuchen, obwohl ich Schmerzen habe, jeden Tag zu trainieren. Nicht weil ich den nächsten Bodybuilder Wettbewerb gewinnen möchte. Nein. Um den Kampf gegen die Endometriose zu gewinnen. Ich MUSS auf Zucker – Gluten – Milchprodukte & Soja verzichten. Nicht weil ich ein Hippster #healthylifestyle haben möchte. Nein. Weil ich MUSS um zu versuchen die Schmerzen zu lindern. Weil ich vermeiden möchte ein weiteres mal operiert werden zu müssen. Ich MUSS die Hälfte von meinem derzeitigen sehr geringen Einkommen in Apotheken liegen lassen um etwas zu finden das mein Leben leichter macht. Der bittere Beigeschmack meinem Freund auf der Tasche zu liegen rundet das Ganze ab. Mit 26 Jahren finanziell von jemanden abhängig sein, wollte ich nie in meinem Lebenslauf stehen haben.

Das Schicksal meinte es mit der Endometriose wirklich nicht gut mit mir. Aber auch jetzt versuche ich das Beste daraus zu machen. Eine gesunde Ernährung, viel frische Luft und Sport schadet niemanden. Auch mir nicht. Es ist nur anstrengender sich daran zu halten, als chronische Schmerzpatientin. Aber Job ist Job. Ob schlecht bezahlt oder nicht. Was gemacht werden muss, muss gemacht werden.

Ich schreibe mir Sonntags wöchentliche „To-Do“ Listen damit ich am Ende des Tages auf etwas stolz sein kann. Ich recherchiere viel über alternative Heilmethoden.Versuche der Erkrankung mehr Aufmerksamkeit in der Gesellschaft zu geben. Teile meine Gedanken mit der Öffentlichkeit. Kämpfe für mich & all den anderen wundervollen Endoprinzessinen.

Auch ich lebe nur einmal & dieses eine Leben verbringe ich mit einer chronischen Schmerzerkrankung. Warum also sollte ich mich dafür rechtfertigen, das ich dieses eine Leben so schön wie nur möglich leben möchte? Das versuchen doch Alle? Auch gesunde Menschen. Dieses eine Leben versuche ich mir so „einfach“ wie nur möglich zu machen. So einzigartig und aufregend wie es nur geht.

Wenn ich das nicht tun würde, könnte ich später meinen Enkeln nicht erzählen, das ich eine echte Prinzessin war und Kämpferin zu gleich. Das ich gegen den Strom geschwommen bin um so schmerzfrei wie nur möglich leben zu können.

Meinen Job als chronischer Schmerzpatient werde ich dann aufgeben, wenn ICH soweit bin. Nicht wenn die Gesellschaft es verlangt oder die GKK. Bis dahin versuche ich Wege zu finden, mein Leben leben zu können. Auf eine schöne und liebe Art und Weise. Vor allem aber, es so zu leben wie ich möchte.

Mir ist klar, das mir das nur möglich ist da ich die richtigen Menschen um mich habe. Den Besten und verständnisvollsten Chef auf Erden. Den liebsten Partner, der mich genau für das liebt wie ich bin. Die liebste Familie die hinter mir steht & die liebevollsten Freunde die verstehen, das ich gerade lieber auf Pyjama Partys als in Clubs bin.

Ihr dürft nie vergessen, das es auch schön sein kann gegen den Strom zu schwimmen solange ihr euch selbst am wichtigsten seid. Lebt eurer Leben. Liebt eurer Leben. Lasst die Endometriose nicht eurer Leben sein, aber lasst euch durch sie neue Perspektiven und Einstellungen zeigen.

Das es scheiße ist, weiß ich. Ich versuche bloß aus Scheiße Gold zu machen. Weil mir nichts anderes übrig bleibt. Das Leben ist mehr als nur schwarz oder weiß. Mein Vollzeitjob ist derzeit chronische Schmerzpatienten und ich bin ziemlich gut darin.

& vergesst nie: Wir sind perfekt so wie wir sind!
Eure Lisa. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Chronisch krank zu sein ist ein schlecht bezahlter Vollzeitjob

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